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Paracelsus

 

 

Die Gestalt des Paracelsus wirft heute noch viele Fragen auf (vertritt er das Mittelalter oder die Neuzeit?), er ist aber ein Wegbereiter des Samuel Hahnemann (1755 – 1843). Geistesgeschichtlich hat Goethe den Paracelsus zum Urbild für seinen Faust genommen.         ( Faust: Zwar weiß ich viel, doch will ich alles wissen.)

 

Paracelsus, deutsch-schweizer Arzt, Astrologe, Philosoph, Chemiker und Mystiker, wurde 1493 oder 1494 geboren, er lebte bis 1541. Sein Motto war: „ Alterius non sit, qui suus esse potest!“ (Niemandem gehöre an, der sich selbst gehören kann!)

Geboren wurde Paracelsus als  Theophrastus Bombastus von Hohenheim in der Schweiz, und zwar in Einsiedeln im Kanton Schwyz. Sein Vater stammte aus dem verarmten schwäbischen Adelsgeschlecht der Hohenheim (nahe Stuttgart), seine Mutter war eine Einheimische aus Einsiedeln.

Erstmals 1529 in Nürnberg gibt er sich den Schriftstellernamen Paracelsus. Eine Deutung des Namens ist: Para, das heißt jenseits, über etwas hinausweisend, wie in Para-Psychologie; aber hier Para-Celsus: gemeint ist wohl Aulus Cornelius, genannt Celsus, ein römischer Medizin-Schriftsteller aus dem 1.Jh. nach Christus; dieser verfasste eine Enzyklopädie der griechischen Heilkunst, die zu Paracelsus Zeiten immer noch als maßgebend galt.

 

Geistesgeschichtlich gehört Paracelsus in die Zeit der Renaissance. Dieser Begriff ist abgeleitet aus dem italienischen Wort Rinascimento (Wiedergeburt), er taucht erst um die Mitte des 18. Jh. auf, so bei Voltaire. Laut Jacob Burckhardt verbindet sich mit diesem Begriff die Vorstellung von einer geistigen Wiedererweckung des griechischen und römischen Altertums sowie der damit verbundenen Entdeckung des Menschen, seiner unabweisbaren Individualität und Persönlichkeit.

 

 In der Zeit der Renaissance lernt der Mensch einen Körper zu sezieren. Mensch und Welt werden ineinander verschränkt gesehen: als anatomisches Kunstwerk und als lebendiges geistiges Wesen. Arzneimittel werden aus Natursubstanzen destilliert und alchemistisch zubereitet, ihre Heilkraft erscheint als eine gereinigte geistige Potenz. Der paracelsische Grundsatz lautet: „Wie außen, also auch innen.“ Dies heißt: Ein Mittel, das außen eine bestimmte Wirkung hat, entfaltet diese auch im Innern.

 

Paracelsus hat eine hohe Intelligenz und querulantenhafte Züge (so C.G. Jung). Oft zieht er weiter, hat sich mit ortsansässigen Medizinern, Ärzten wie Professoren, zerstritten (Parallelen zu Hahnemann). 

 

Als Stadtarzt und Honorarprofessor zu Basel (1527) lehrt er sein ärztliches Motto: Nicht meinen, sondern wissen! Erfahrung und eigene Erwägung statt Berufung auf Autoritäten!

Er machte sich auf vielen Reisen durch ganz Europa kundig in der Volksmedizin. Die Prüfung für ihn war immer der kranke, leidende Mensch, zu dem er als Arzt kam, das war die Stunde der Wahrheit!                                                                                                                            Der sonstige medizinische Lehrbetrieb sah ganz anders aus: Texte der Alten, die unantastbar waren, wurden gelesen (Vorlesung) und erläutert, so der „Kanon der Medizin“ des arabischen Arztes Avicenna (980 bis 1037) und die Vier-Säfte-Lehre des griechisch-römischen Arztes Galenus ( 129 bis 199 n. Chr.).                                                                                                                               Die praktische Behandlung der Kranken überließen diese hohen Herren den gering geschätzten Badern, Wundärzten, Chirurgen und anderen Personen, gleich ob diese ausgebildet waren oder nicht.                                                                                                   Paracelsus nun kritisierte diesen stagnierenden Wissenschaftsbetrieb und zog sich so Feinde zu. Er sah die veralteten Methoden dieser toten ärztlichen Wissenschaft und zog Hass auf sich, wenn er diese bekämpfte, doch er wusste: Die Wahrheit wird gehasst.                                  Empörung erntete er auch, weil er Vorlesungen in deutscher Sprache hielt, und nicht mehr nur in lateinisch. Wie Luther wollte er sich den einfachen Leuten und Studenten verständlich machen. Die Gebildeten sprachen und schrieben in Latein, deutsch war die Sprache der Knechte und Mägde. Paracelsus bekam dann auch den Schmähruf: „Lutherus medicorum“, das heißt Ketzer der Medizin. Von seinen Anhängern wurde diese Schmähung jedoch eher als Lob aufgenommen denn als Tadel.

 

Wie Hahnemann legte sich Paracelsus mit dem einflussreichen Stand der Apotheker an. Beide Ärzte wollten, dass der Arzt selbst die Medizin rein zubereiten darf, was ihnen verwehrt wurde. Hahnemann erlebte Betrug, wenn der Apotheker ihm ein Fläschchen reinen Alkohols lieferte, weil er das richtig potenzierte homöopathische Heilmittel nicht vorrätig hatte. Paracelsus schimpfte über das „quid pro quo“ der Apotheker: diese gaben bedenkenlos eine vermeintlich ähnlich wirksame Arznei ab, wenn sie die geforderte nicht hatten, ohne die Gefahr für die Kranken zu sehen.

 

Am bedeutsamsten für die Entwicklung der neuzeitlichen Medizin und Pharmazie wurde die Alchemie (so Heinz Schott, Professor für Geschichte der Medizin in Bonn, 1992): die praktische Kunstfertigkeit des erfahrenen Apotheker-Arztes, mit der er die Naturtätigkeit nicht nur nachahmen, sondern vielmehr vollenden wollte. Die Grundidee war die Potenzierung der Naturheilkraft zu ihrer höchsten Reinheit und Wirksamkeit. Der Alchimist  will die Natur vollenden und die Naturkörper von ihren Schlacken befreien: „So ists auch mit der Arznei; die ist geschaffen von Gott, aber nichts ist bis zum Ende bereitet, sondern in Schlacken verborgen.“ (Paracelsus). Der Apotheker ist der Vermittler zwischen äußerer und innerer Natur. Sein Vollendungsprozess: Er entnimmt die Heilpflanze der äußeren Natur (der „Apotheke Gottes“), bearbeitet sie, reinigt sie von Schlacken und stellt sie so dem Kranken bereit.

 

Für Paracelsus wurde die ärztliche Behandlung analog gefasst  wie die Scheidekunst des Alchemisten und des Apothekers: sie war eingebettet in einen übergreifenden Naturprozess, indem sie nur in einer bestimmten Phase sinnvoll, d. h. naturgemäß eingesetzt werden konnte: als Helfer und Vollender der inneren Natur.

 

In seiner Schrift „Volumen medicinae Paramirum“ (1524) nennt er fünf möglichen Einflüsse für die Entstehung einer Krankheit, die „fünf Entien“ (Seinsweisen), also Krankheitstypen:

-         Ens astrale: Einflüsse des Kosmos. Krankheiten sind die Antwort des Himmels auf Verstöße des Menschen gegen die Schöpfungsgesetze.

-         Ens venale: Krankheiten, die aus giftigen Substanzen und mangelnder Hygiene entstehen.

-         Ens naturale: Erbkrankheiten, genetische Dispositionen und die Gesamtkonstitution des Individuums.

-         Ens spirituale: psychisch bedingte Erkrankungen.

-         Ens dei: Krankheiten, die von Gott auferlegt werden und nur durch ihn geheilt werden können.

 

 

Paracelsus war ein Verfechter der wirklichen (d. h. nicht ausschließlich Symptome bekämpfenden) Heilkunde. Der Makrokosmos des Universums und der Welt hat seine Entsprechung im Mikrokosmos des Menschen. Paracelsus: „Wie oben, so unten.“                                                                        So sagte schon Hippokrates (460 bis 377 v. Chr.): „Ein Arzt, der die kosmischen Gesetze verkennt, verdiente eher ein Tor genannt zu werden denn ein Heilkundiger.“

 

Jaap Huibers (1977) weist auf das Buch „Labyrinthus medicorum errantium“ (Vom Irrgang der Ärzte) des Paracelsus hin, in welchem dieser ausführt, dass man den Menschen als Einheit ansehen müsse, d. h. Körper, Geist und Umstände nicht isoliert sehen dürfe. Für die Untersuchung einer Krankheit empfiehlt Paracelsus folgende „Methode“:

  1. Untersuche, welches kosmische Prinzip (welcher Planet) in Beziehung zu dem Krankheitssymptom steht. Ermittle aus dem Geburtshoroskop die Planetenkonstellation, die Analogien zu dem körperlichen Phänomen aufweist.
  2. Befasse dich genau mit dem makrokosmischen Bild und übertrage es auf die körperliche Situation.
  3. Untersuche, welche kosmische Kraft die Konfliktsituation günstig beeinflusst, d. h. welcher Planet im Problembereich des Geburtshoroskops harmonisierend wirkt.
  4. Versuche die körperliche Situation durch ein Heilmittel zu bessern, das entweder der kosmischen Kraft entspricht, die sich günstig auf die Konfliktsituation auswirkt, oder das der Konfliktsituation selbst entspricht. Im letzteren Falle nehme man das Mittel homöopathische potenziert (verdünnt), entsprechend der Erkenntnis, dass Gleiches durch Gleiches geheilt wird.

 

Hier sehen wir Paracelsus deutlich als Wegbereiter des Samuel Hahnemann, der lehrt: „similia similibus curentur“, also „Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt“.

 

Homöopathische Arzneien bezeichnet Paracelsus als „geheime Mittel“. Das Wort „geheim“ deutet wohl darauf hin, dass damals das Wissen um den richtigen Verdünnungsgrad, die richtige Potenz, sowie das Wissen um die richtige Herstellung, zu den Geheimnissen der Alchemie gehörte. Heilmittel, welche der kosmischen Kraft entsprechen, die eine Krankheit günstig beeinflusst, nennt Paracelsus „Sympathiemittel“.            

1527 wird Paracelsus um Rat gebeten von dem berühmten Philosophen Erasmus von Rotterdam (1465 – 1536). Paracelsus erkennt eine Stoffwechselkrankheit, hilft dem berühmten Humanisten und erntet dessen Dank und Anerkennung.

 

Paracelsus spricht von einer Tartarischen Krankheit. Er ging dabei von einer alltäglichen Beobachtung aus: Bei einem Wein, der längere Zeit gelagert ist, kann man beobachten, dass er einen kristallinen Satz abscheidet, der zum überwiegenden Teil aus Weinstein besteht. Der Chemiker zählt dieses Salz zur Gruppe der Tartrate – daher der Name, den Paracelsus wählte.

 

Die grundlegende Erkenntnis, dass der menschliche Organismus nicht nur Nahrungsstoffe aufnimmt und in veränderter Form wieder ausscheidet, sondern dass daneben auch Rückstände aus der Nahrungsaufnahme in ihm verbleiben, stellt eine der wichtigsten Leistungen des Paracelsus dar. Diese Ablagerungen (Koagulate) erkannte er z. B. in der Haut, in den Adern und Arterien. Er wird somit zum Wegbereiter der Lehre vom Stoffwechsel. Heute würde man die Tartarischen Krankheiten unter den Begriffskomplex „harnsaure Diathese“, einer Störung des Harnsäure-Stoffwechsels, die zu gichtigen Erkrankungen führt, einordnen.

1528 befasst sich Paracelsus zum ersten Mal in einer Schrift mit der Syphilis. Diese Krankheit, die damals Franzosenkrankheit oder Lustseuche genannt wurde, war von der Westindischen Inseln (Karibik) nach Europa eingeschleppt worden und grassierte überall. Er empfiehlt und beschreibt als Therapie eine möglichst vorsichtige und genau bemessene Dosierung der gefährlichen Quecksilber-Präparate, die von den Ärzten damals bedenkenlos in beliebigen Mengen verabreicht wurden, sowie eine Anwendung von Arsen-Präparaten zur Bekämpfung der Seuche. Diese Erkenntnisse des Paracelsus wurden erst in der Mitte des     19. Jh. übertroffen.

 

1529 kommt er in Nürnberg in Konflikt mit den Fuggern, die das Guajak-Holz aus Mittelamerika in großen Mengen importierten. In Europa wurde das Holz als das beste Antisyphilitikum angesehen. Paracelsus lehnt die Anwendung des Holzes nicht unbedingt ab, weist aber darauf hin, dass es nur äußerlich antiseptisch wirkt. Für Ulrich von Hutten, der selbst an dieser Krankheit litt, war das Holz ein Wundermittel, über dessen segensreiche Wirkung er schrieb. Jedoch starb er 37-jährig an der Krankheit. Die Fugger aus Augsburg, die an dem Import des Holzes Millionen verdient hatten, erreichten jedoch, dass dem Paracelsus weitere Veröffentlichungen über die Syphilis verboten wurden. Ein Buch des Paracelsus über die Syphilis erscheint deswegen erst vierzig Jahre nach seinem Tod.

 

Im Jahr 1531, zehn Jahre vor seinem Tod, veröffentlicht er in St. Gallen, also im damaligen Kulturdreieck von Basel, Konstanz und St. Gallen, fünf Bücher „Von den unsichtbaren krankheiten und iren ursachen“. Er stellt Untersuchungen an über die Einflüsse des Seelenlebens auf die Körpervorgänge unter Berücksichtigung psychotherapeutischer Momente. Diese fünf Bücher, sowie noch zwei kleinere Abhandlungen zu dem Thema, kann man als eine der frühesten Dokumentationen zur Geschichte der Psychiatrie und Psychotherapie bezeichnen.

© 2007 Gabriele Schöttler Heilpraktikerin

 

 

                                         Paracelsus

                                                                  Septem Defensiones

                                                    Sieben Verteidigungsreden

 

 

 

 

Im Jahre 1525 waren die Bauernkriege in Süddeutschland (außer Bayern) und in Thüringen. Spätestens 1526 wurden diese sämtlich von den Herren mit ihren Truppen niedergeschlagen.

In den zehn Jahren davor und danach war Paracelsus´ Hauptschaffenszeit. Er, der eigentlich Theophrastus Bombast von Hohenheim hieß, verfasste tausende Seiten zu medizinischen Themen, zu pharmazeutischen, naturkundlichen und naturphilosophischen, auch theologischen. Er wurde nur 48 Jahre alt, geboren ist er 1493 oder 1494 in Einsiedeln in der Schweiz, er starb 1541 in Salzburg.

Seine Verteidigungsreden schrieb er 1538, also gegen Ende seines Lebens und seiner Werke, sie erschienen lange nach seinem Tode, erstmals 1564 im Druck in Köln.

Die Verteidigungsreden haben eine Vorrede und eine kurze „Beschlussrede“. Geschrieben sind sie in deutscher Sprache, der man oft noch anmerkt, dass Paracelsus lateinisch schreiben konnte und den deutschen Satz oft nach der lateinischen Syntax bildete. Seine Sprache ist deftig, gegenüber Gegnern oft unflätig im Schimpfen, aber so schrieb man damals, man muss nur an Luthers Sprache denken. Heute würde man sagen: Nicht fein, nicht gefällig, nicht „korrekt“.

 In seiner Vorrede erläutert er, dass wahre Medizin auf Hippokrates beruht und dass sie an ihren Werken zu erkennen ist, nicht an Wortgeklingel. Die wahre Heilkunst geht aus dem Geist der Natur hervor, ist leider unter die Pseudoärzte gefallen. Was aber in der Heilkunst nicht mit Werken erwiesen wird, gewinnt durch aggressives Reden auch nicht.    (sc. An ihren Werken sollt ihr sie erkennen ...). Seiner wirksamen medizinischen Lehre stellt sich also das Geschwätz der Sophisten entgegen. „So eine falsche Zunge hat auch nach mir gestochen.“ Doch solche Gegner bauen nicht auf den ersten Felsen der Heilkunst (sc. Du bist Petrus der Fels ...), sondern haben die Medizin auf ihr Küchenniveau herunter gezogen. Paracelsus schreibt die Verteidigungsreden, damit der Leser sich entscheiden kann. Die Vorrede stellt die Verteidigungsreden in einen medizingeschichtlichen Zusammenhang, dem Autor geht es um das spirituelle Wesen der Medizin.

In der ersten Verteidigungsrede bringt Paracelsus den Entwurf einer neuen Medizin. Die alten Theoretiker haben die Grundlagen und Krankheitsursachen ungenau und unrichtig beschrieben. Leider hat man seitdem jedes Weiterforschen unterlassen, dabei gibt es neue Krankheiten. Für das Gegenwärtige sollen wir sorgen und nicht für das Vergangene (Christus: Es ist genug, dass jeder Tag sein eigenes Joch trage. Der morgige Tag wird für das Seine sorgen.). Scharf kritisiert er die Ärzte, die ihm vorwerfen, er behandele Krankheiten, die sie unheilbar nennen, z.B. die Fallsucht (Epilepsie), den Schlaganfall, den Veitstanz (Chorea). Er zitiert Christi Wort: „Die Kranken bedürfen des Arztes“. Dann darf man diese Kranken nicht ausschließen. Da sie krank sind, bedürfen sie eines Arztes. Bedürfen sie aber des Arztes, darf man nicht sagen, ihnen sei nicht zu helfen. Allenfalls kann man sagen: Ich kann´s nicht und bin nicht fähig dazu. Man muss so lange suchen, bis man die Kunst findet, aus der die rechten Werke hervorgehen. Wenn Christus sagt: „Lass uns die Schriften erforschen.“, so fordert Paracelsus „Lass uns die Natur erforschen.“  So rechtfertigt er sich damit, dass er der gegenwärtigen Zeit entsprechend eine neue Medizin entwirft und diese vorstellt. Seine Folgerung aus dem ist, dass der Mensch, der den Menschenleib begreifen will, aus Gott und aus der Natur sein Wissen nehmen muss.

In der zweiten Verteidigungsrede schreibt er über die neuen Krankheiten und ihre neuen Bezeichnungen. Hier ist zu erinnern an sein Werk von 1531 „Von den unsichtbaren krankheiten und iren ursachen“, erschienen in St. Gallen. Neu bezeichnet er in dieser Rede Krankheiten, die noch nicht als pathologisch aufgefasst und deswegen nie erforscht wurden. Heute sprechen wir von psychischen Krankheiten. Paracelsus nennt Besessenheit, suicidale Gefährdung und Suicid, weiter den Veitstanz, neben „falschen Krankheiten“, die er durch Zauberei verursacht sieht. Bedeutend ist, dass er Selbstmord und Bestreben danach als Krankheit auffasst, wo dies doch damals und auch heute von der Kirche als Todsünde verfemt wird. Er versucht den Ursprung der Krankheit und den Heilweg zu erfahren und beides im Namen der Krankheit auszudrücken. Mit den alten Bezeichnungen kann er nichts anfangen, es sind nur Übernamen, und niemand weiß recht, ob man eine Krankheit mit so einem Namen richtig oder falsch benennt. Deshalb kann sich ein Arzt nicht mit Büchern zufrieden geben, die vor zweitausend Jahren geschrieben wurden. Es gibt neue Krankheiten. Mancher Bauer ohne ein Buch macht mehr Leute gesund als die Doktoren der Medizin in ihren roten Talaren.

Die dritte Verteidigungsrede befasst sich mit seinen neuen Rezepten und dem Vorwurf, er würde Gifte verabreichen. Hier weist er darauf hin, dass er den Naturstoff nach den Verfahren der Alchemie so zubereitet, dass dem Kranken dessen reinste Kraft, dessen heilendster Impuls direkt gereicht werden kann. Er verweist auf Christi Satz:“ Und wenn ihr gleich Gift trinkt, es wird euch nicht schaden.“ Für Paracelsus heißt das: Nicht zu viel und nicht zu wenig! Wer das rechte Maß trifft, nimmt kein Gift zu sich! Wo ist etwas, das kein Gift ist? Hier nun der berühmte Satz des Paracelsus, den auch Hahnemann übernahm: Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. So ist es für ihn mit der Arznei – das wird aus ihr, was du daraus machst. Auch wenn ein Ding Gift ist – man kann es ins Nicht-Gift überführen. Paracelsus verweist auf die Gifte Quecksilber und Arsen, und dass diese in der richtigen Zubereitung dem Körper gut tun. Dreihundert Jahre später setzt Samuel Hahnemann mit seiner Homöopathie diese Arbeit fort. Er wählt die beiden genannten Gifte, auch die Tollkirsche (Belladonna) und viele weitere Substanzen. Diese werden durch Verarbeitung – Verdünnen, Verschütteln, Potenzieren – zu Heilmitteln für den menschlichen Körper und für seinen Gemütsbereich.

In der vierten Verteidigungsrede rechtfertigt er seine Landfahrerei. In seinem ganzen Leben war er nur in seiner Kindheit und Jugendzeit (erst in Einsiedeln, ab 1502 in Villach) sowie in den elf Monaten als Stadtarzt in Basel (1527/1528) sesshaft. Auf seinen Wanderungen stieg er in Bergwerke und suchte und prüfte Metalle. In seiner Verteidigungsrede nennt er die Landfahrerei seine Bestimmung, dienend seiner Naturforschung und Medizin: „Wenn ich das unterließe, wäre ich nicht der Theophrastus, der ich bin.“ Drastisch drückt er aus, dass man den Lehrer nicht hinter dem Ofen findet. Wie soll man hinter dem Ofen ein guter Geograph werden? Er wandert, weil die Krankheiten dahin und dorthin wandern. Will einer viele Krankheiten kennen lernen, muss er viel wandern. Kommt eine solche fremde Krankheit in sein Vaterland, dann kennt er sie. Doch die von ihm abgelehnten Pseudoärzte bleiben hinter dem Ofen hocken und setzen sich mitten unter ihre Bücher – die Fahrt im Narrenschiff! Der Arzt muss also ein Naturforscher sein und die Dinge dort aufsuchen, wo sie sind. Was hier Paracelsus propagiert, ist modern, auch im                         20. Jahrhundert. 1927 schreibt Ita Wegmann, dass Rudolf Steiner ähnliches forderte: Für den einzelnen Menschen sei es wichtig hinauszugehen und die Außenwelt kennen zu lernen, Wanderungen und große Reisen zu unternehmen, um die Mannigfaltigkeiten der Welt zu erfahren, die Gegenden des Feucht-Kalten gegenüber dem Heiß-Trockenen kontrastierend zu empfinden, sowie alles, was dazwischen liegt. Laut Steiner ist dies unterbunden worden durch die mittelalterliche Zeit mit dem klösterlichen Leben, das mehr an die Scholle gebunden war. Er fährt fort: Natürlich ist richtiges Erkennen der äußeren Welt nicht nur durch Wandern und Reisen zu erreichen, sondern auch durch ein inniges, liebevolles Sich-Versenken in die Geheimnisse der Natur, aber wichtig ist das Bekanntwerden mit fremden Ländern und Sitten. 

Die fünfte Verteidigungsrede ist ein emotionaler Ausbruch gegen die Pseudoärzte, die nichts können und nur darauf aus sind, Reichtum anzuhäufen. Die Welt will eben betrogen werden. Für Paracelsus ist der Kranke jedoch der Acker, in dem der Schatz begraben ist, der Kranke ist die kostbare Perle. Zweierlei Ärzte gibt es – solche, die aus der Liebe zum Nächsten handeln, und solche, die aus Eigennutz handeln. Letztere ernten, wo sie nicht gesät haben, sie sind ,wie reissende Wölfe, darauf aus, ihren Gewinn zu vermehren, uneingedenk des Gebotes zu lieben. Paracelsus: Und weil man alle Pferde mit einem Sattel reiten will und die Krankheit nicht in ihrem Wesen erkennt, sondern was jedem gerade in den Kopf kommt, als seine „Kunst“ gilt, wird weder Erfahrung gesammelt noch Wahrheit ergründet. Doch: Die Medizin ist eine Kunst, die mit großer Gewissenhaftigkeit und viel Erfahrung ausgeübt werden soll – und mit großer Gottesfurcht.

In der sechsten Verteidigungsrede gibt er sein eigensinniges Verhalten und seine zornige Art zu, rechtfertigt sie aber. Er sei eben nicht mit weichen Kleidern in Frauengemächern aufgewachsen, sondern zwischen Tannenzapfen. Er sei nicht mit Feigen, Honigwein und Weizenbrot aufgezogen worden, sondern mit Käse, Milch und Haferbrot. Doch dann erläutert er an Beispielen, wann er meint, zu recht eigensinnig und zornig sein zu dürfen. So wenn seine Patienten seine Anordnungen nicht peinlich genau befolgen. So wenn seine Gehilfen hinter seinem Rücken Patienten behandeln und behaupten, sie könnten es genauso gut wie er. So wenn Apotheker unzufrieden sind, weil er nur kurze Rezepte schreibt. Doch er sagt: Warum soll ich wie andere Rezepte mit 40 bis 60 Zutaten schreiben, nur um dem Apotheker die Säcke leer zu machen? Besonderen Zorn erregt das Quid pro Quo der Apotheker. Damit schlägt sich auch dreihundert Jahre Samuel Hahnemann herum. Der Apotheker, der das verschriebene Arzneimittel nicht vorrätig hat, gibt einfach ein anderes, von dem er meint, es könne so wirken wie das verschriebene.  Paracelsus: Da ginge es meinen Kranken elend, manche würden sterben! Doch Menschenkenntnis kann man Paracelsus nicht zuschreiben. So wenn er schreibt, der Henker habe ihm gnadenhalber 21 Knechte abgenommen und sie von dieser Welt befreit. Immerhin hat Paracelsus die doch angenommen und um sich gehabt, ohne etwas schlechtes an ihnen zu bemerken!

In der siebten Verteidigungsrede spricht er über die Grenzen seiner Heilkunst. Er, der selbst rachitisch verkrümmt und bucklig war, bringt das Beispiel eines solchen Menschen und sagt: Wem Gott nichts Gutes tun will, was soll ihm dann die Natur Gutes tun? Wo sich beider Gunst nicht einstellt, was vermag da der Arzt? Hier meint Paracelsus natürlich die körperliche Missbildung, nicht die Seelenpersönlichkeit dieses Behinderten. Nun antwortet er auf den Vorwurf, der ihm gemacht wird: Wenn er zu einem Kranken gehe, wisse er nicht augenblicklich, was ihm fehle, sondern brauche Zeit es herauszufinden. Doch zeigten die, welche sofort eine Diagnose stellten, damit nur ihre Dummheit. Gerade bei inneren Krankheiten ist es, als sei ein Vorhang davor, da braucht man einen längeren Atem. Wie ein Bergmann neues Erz entdecke und prüfe und untersuche, so müsse der Arzt vorsichtig vorgehen, um nichts zu verderben. Doch die Pseudoärzte machten nicht eigene Versuche, sondern beließen es bei angelesenen Proben und Versuchen. Darum sind viele ihrer Patienten auf dem Friedhof, bevor sich die Erfahrung einstelle. Doch er bekennt, dass er nicht alles kann. „Dass ich das Unmögliche nicht heilen kann, warum haut ihr mir das um die Ohren, wenn ihr das Mögliche nicht heilen könnt?“ Wenn er bei hoffnungslosen Krankheiten nichts ausrichten könne, so sei doch dafür keine Arznei geschaffen oder ihm gegeben. Mit ihrem Quid pro Quo würden seine Gegner ihre Kranken verpfuschen. Aber auch er leide unter dem Quid pro Quo der Apotheker: Wer kann mit gepanschter Arznei das bewirken, wozu nur die wahre Arznei imstande ist? Zum Schluss dieser Rede sagt er, es sei notwendig gewesen sich zu rechtfertigen. Denn antworte man der bösen Nachrede nicht, dann scheint es, als hätte und bekäme sie recht. „Das würde zu noch mehr Verirrung führen, zu Schaden, Unheil, Irreführung.“  Er redet den Leser direkt an; dieser solle alle diese Dinge gerecht abwägen und durchdenken.

In seiner kurzen Beschlussrede meint er erstaunlicherweise, er habe seine Rechtfertigungsreden „mit größter Milde“ verfasst. Nun ja, so ändern sich die Zeiten. Er verweist jedoch auf die Heilige Schrift, wonach man die Heilkunst schätzen und den Arzt ehren solle. Dies sei jedoch im Hinblick auf Hippokrates gesagt worden, nicht auf die Pseudoärzte, die die Natur als ihren Feind erkenne, wie der Hund den Hundeschinder erkennt. Aus den früheren Schriften der wahren Ärzte könne man jedoch lernen, dass es auf Erden um Mühe und Arbeit geht. So ist auch die Arbeit des wahren Arztes mühsam, aber eine Gabe und ein Geschenk.

Eine verdienstvolle Übertragung der Verteidigungsreden samt einer Einführung verdanken wir heutzutage Gunhild Pörksen (Schwabe & Co AG, Basel 2003). Sie fügt ein Reprint des Ausgabe der Septem Defensiones Basel 1589 bei. Sie verweist darauf, dass wir wichtige biographische Angaben über Paracelsus seinen Verteidigungsreden verdanken. Auffallend sei, dass seine Mutter nie auftauche, wohl deswegen, weil sie so früh starb, dass er keine Erinnerung an sie hatte. Mehrfach in seinen Schriften, so 1534 in der Vorrede zum Buch „Große Wundarznei“, erwähnt er seinen Vater:“ Mein vater, Wilhelmus von Hohenheim, der mich nie verlassen hat ....“. Diese Dankworte und ihre Wiederholung weisen für Paracelsus auch auf den himmlischen Vater hin, dem er sich verpflichtet fühlt.

 

© 2008  Gabriele Schöttler Heilpraktikerin

 

 

Der Homöopath James Tyler Kent,

ein berühmter Schüler Samuel Hahnemanns

 

Ohne Kenntnis des Hauptwerkes von Samuel Hahnemann „Organon der rationellen Heilkunde“ (mit mehreren Auflagen seit 1810) wird niemand verantwortungsbewusst Homöopathie betreiben können. Das ist anerkannt. Doch wer die drei Hauptwerke des US-amerikanischen Homöopathen James Tyler Kent zusätzlich benutzt, durcharbeitet, versteht und anwendet, hat bereits alles Material für eine klassisch-homöopathische Praxis, die Kranke heilen kann. Damit sollen nicht die Verdienste anderer Schüler Hahnemanns, wie die des US-Amerikaners H.C. Allen oder des deutschstämmigen US-Amerikaners Constantin Hering, geschmälert werden

Drei Meisterwerke hat James Tyler Kent (1849 – 1916) erarbeitet und hinterlassen:

-         Seine „Vorlesungen über Philosophie der Homöopathie“. Es sind Kommentare zu Hahnemanns Hauptwerk „Organon“. Hierbei geht Kent jeden Paragraphen des Organon in großer Klarheit durch und macht Ausführungen hierzu.

-         Seine „Vorlesungen über homöopathische Arzneimittellehre“. Es handelt sich um eine Materia medica, in der 183 Hauptmittel der Homöopathie auf 982 Druckseiten abgehandelt sind. Sie liefert lebendige Bilder eines jeden einzelnen Arzneistoffes. Hier haben Kent und seine Schüler in vielen Selbstversuchen die reiche Symptomatik, die das Buch wiedergibt, herausgefunden.

-         Sein „Repertorium der homöopathischen Arzneimittellehre“. Es ist ein Symptomenverzeichnis der aus den Arzneimittelprüfungen hervorgegangenen Zeichen und Empfindungen. Dieses Werk von 1423 Seiten erlebte mehrere Auflagen, gedruckt wurde es in Belgien wie in Indien.  Kent selbst schrieb zu der dritten Auflage: „ Diese dritte Auflage krönt mein Lebenswerk.“

Diese drei Werke bilden die Basis dessen, was jeder Homöopath für seine praktische Arbeit wissen sollte: Die Grundlagen der Lehre, die Heilmittel und das Symptomenverzeichnis, mit Hilfe dessen man herausfindet, welches Arzneimittel der Symptomatologie des Kranken entspricht.

Kent praktizierte als Arzt und wurde mit 28 Jahren Anatomieprofessor am „American College“ in St. Louis. Monatelang war seine Frau schwer krank, er selbst und andere Ärzte konnten ihr nicht helfen. Auf Drängen seine Frau zog Kent einen Homöopathen hinzu. Dieser gab nach ausführlicher Anamnese ein Mittel, welches die Frau binnen Wochen heilte. So kam Kent zu der Frage, ob die Homöopathie nicht doch eine wertvolle Heilmethode sei. Er studierte zunächst Hahnemanns Organon und erarbeitete sich die Homöopathie, die er erfolgreich in eigener Praxis anwendete, dann auch lehrte in Fortbildungskursen für fortgeschrittene Mediziner an der „Postgraduate School of Homoeopathics“ in Philadelphia.

 

Erstaunlich ist, dass es bis heute keine Biographie dieses bedeutenden Homöopathen gibt. Dies bedauerte schon der Schweizer Homöopath Pierre Schmidt (1894 – 1987), der in Genf als Arzt arbeitete und daran mitwirkte, die Arbeiten und Erkenntnisse von James Tyler Kent nach Mitteleuropa zu bringen.

Seinen Schülern legte Kent zwei Grundsätze ans Herz:

1.  Wenn man zwei oder drei Mittel erfolglos verschrieben hat, sollte man ein Placebo geben und den Fall neu studieren, um die wirklich passende Arznei zu finden. Innehalten hätte der Arzt schon vorher sollen statt blind „Dreinzuschießen“ in der Hoffnung, es schlage hilfreich an. Der Arzt muss die Geduld haben, die Symptome sich klarer abzeichnen zu lassen.

2.  Wenn man sich auf ein Simile festgelegt hat, sollte man die nächst passenden Arzneien nicht vergessen, um im Fall etwaiger Misserfolge nicht ratlos vor dem Patienten zu stehen und Alternativen parat zu haben. Kent: Halten Sie es mit Wilhelm Tell, der einen zweiten Pfeil bereit hatte. Hätte er durch einen Fehlschuss seinen Sohn getötet, wäre der zweite Pfeil für den Landvogt Geßler gewesen, der ihm den unmenschlichen Befehl gegeben hatte.

 

Kents Werke sind gekennzeichnet durch ihre phänomenologische Art, sie sind nüchtern und faktenreich. Da ist es erstaunlich, dass Kent am Ende des 19. Jahrhunderts, nach dem Tode seiner zweiten Frau, die Werke des Emanuel von Swedenborg (1688 – 1772) studierte. Letzterer stellte den Geist und den Willen Gottes über die rein körperliche Ebene. Diesen Gesichtspunkt übernahm auch Kent für die Arzneifindung, indem er die Arzneien vornehmlich aufgrund von individuellen Äußerungen des seelischen und geistigen Bereiches im Menschen und weniger am körperlichen oder klinischen Geschehen differenzierte.  Mit Hilfe des von ihm geschaffenen Repertoriums konnte die gesuchte Arznei trotz fast unübersehbaren Detailwissens gefunden werden.

©  Gabriele Schöttler Heilpraktikerin

 

 

Clemens von Bönninghausen:

  Der Lieblingsschüler Hahnemanns

 

Freiherr Clemens Maria Franz von Bönninghausen (1785 – 1864) wurde in den Niederlanden geboren und studierte dort, und zwar an der Universität Groningen, Jura. Das Studium schloss er 1806 mit dem Examen ab und wurde promoviert. Neben dem Jura-Studium hatte er aber auch naturwissenschaftliche und medizinische Vorlesungen besucht und sich besonders mit Botanik beschäftigt.

Seine Hauptwerke sind „Systematisch-alphabetisches Repertorium der homöopathischen Arzneien“ (Münster, 1832, mehrfach neu aufgelegt) sowie „Therapeutisches Taschenbuch für homöopathische Ärzte“ (Münster, 1846). Bönninghausen war der Schüler Hahnemanns, der neben der Loyalität zu Hahnemann eigene neue Konzepte in die Homöopathie eingebracht hat. Bönninghausen war – im Gegensatz zu Hahnemann – bekannt für sein geselliges und diplomatisches Wesen.

Seinen Beruf als Jurist übt er als Regierungsrat aus. 1822 beginnt er seine Tätigkeit als Privatdozent an der Theologisch-Philosophischen Akademie in Münster, er wird weiter zum Direktor des botanischen Gartens in Münster ernannt. Einige Pflanzen sind heute noch nach ihm benannt.

Im Herbst 1827 erkrankt Bönnighausen schwer an Schwindsucht. Trotz ärztlicher Bemühungen verschlimmert sich die Krankheit bis zum Frühjahr 1827 so sehr, dass er einen Abschiedsbrief an einen botanischen Freund, Dr. Weihe, in Herford schreibt. Dieser war auch homöopathischer Arzt, was Bönninghausen nicht wusste. Brieflich fordert der Arzt eine genaue Beschreibung der Symptome, danach verordnet er Pulsatilla, vier Wochen später Sulfur. Danach ist Bönninghausen geheilt. Er ist überzeugt, dass der Arzt ihm das Leben gerettet hat.

Nach dieser unwahrscheinlichen Heilung widmet sich Bönninghausen bis zu seinem Lebensende der Homöopathie. Eine seiner ersten Patientinnen ist die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, mit der er entfernt verwandt ist. Die Dichterin ist ihr Leben lang von Krankheit begleitet. Sie selbst führt es darauf zurück, dass sie als Frühgeburt zur Welt gekommen ist. Bönninghausens Behandlungserfolge machen den Nicht-Arzt zu einem Mode-Therapeuten, besonders in den sog. besseren Kreisen. Sein Ruf lässt Ärzte ins homöopathische Lager wechseln.

Bis 1835 verlangt Bönninghausen für seine Behandlungen kein Honorar, da er als preußischer Beamter Gehalt bezieht. Als dieses Gehalt entfällt und er somit Honorar verlangen muss, wird ihm die Ausübung der Homöopathie untersagt. Erst 1840 erlangt er vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. – Westfalen mit Münster gehören ja zu Preußen – die Genehmigung, die ärztliche Tätigkeit auszuüben ohne die akademische Laufbahn eingeschlagen zu haben. Der König entschied so, weil ihm ein Empfehlungsschreiben Hahnemanns vorlag: „ Der Herr  Regierungsrat Freiherr von Bönninghausen in Münster hat meine homöopathische Heillehre so gründlich studiert und sich so zu eigen gemacht, dass er als vollkommener homöopathischer Heilkünstler ein so vollkommenes Vertrauen verdient, dass, wäre ich selbst krank und könnte mir nicht helfen, ich mich keinem Arzt der Welt, außer ihm, anvertrauen würde.“

In seiner homöopathischen Praxis in Münster legt Bönninghausen großen Wert auf die Dokumentation seiner Behandlungen, so dass von 1835 bis 1864 insgesamt 117 Aufzeichnungsbände anfallen. Seine Patienten kommen aus dem Umland, zu großer Zahl jedoch auch aus Rotterdam. Da er in den Niederlanden nicht praktizieren darf, behandelt er manchmal nach besonderer Genehmigung ein bis zwei Tage in Emmerich in Holland, das gleich nach der deutschen Grenze liegt.

1854 verleiht ihm das Collegium medicinale zu Cleveland die Ehrendoktorwürde. Am 18.8.1855 schreibt die Berliner Morgenzeitung: „Die Kaiserin der Franzosen Eugenie hat die Hilfe des berühmtesten jetzt lebenden homöopathischen Arztes, des Dr. v. Bönninghausen in Münster (Westfalen), in Anspruch genommen.“

Am 26. Januar 1864 stirbt Clemens von Bönnighausen in Münster.

©  Gabriele Schöttler Heilpraktikerin 

 

Constantin Hering

      Ein deutscher Homöopath  in den USA

Im 19. Jahrhundert stellte die deutschsprachige Bevölkerung die größte Gruppe unter den Einwanderern in die USA. 1833 kam auch Constantin Hering (1800 – 1880) hierhin, genauer nach Philadelphia.

Geboren wurde er in Sachsen als Sohn eines Lehrers. Er studierte Medizin in Leipzig, wo er dem Chirurgen Dr. Robbi assistierte. Ein Leipziger Verleger bat diesen, ein Pamphlet gegen die Lehren des Dr. Samuel Hahnemann zu schreiben. Dr. Robbi gab den Auftrag weiter an seinen Assistenten Hering. Dieser besorgte sich die gängige homöopathische Literatur und studierte sie. Dabei wuchs sein Interesse, schließlich erprobte er an sich selbst einige der beschriebenen Arzneimittelprüfungen. Er kam zu der Überzeugung, dass die Theorie der Homöopathie stimme, und wurde zu einem ihrer leidenschaftlichen Anhänger. 1826 schrieb er über die Homöopathie seine Doktorarbeit mit dem Titel „Über die Medizin der Zukunft“.

In der Zeit an der Universität Leipzig hatte er sich bei der Autopsie eines Selbstmordopfers eine Infektion zugezogen, die lebensgefährlich war. Einige Tropfen Arsenicum album – wie er schreibt „in lächerlich kleinen Dosierungen“ – retteten ihm das Leben, die Amputation eines Fingers blieb ihm erspart.

1827 bekam Hering das Angebot, als Mathematikprofessor und Naturwissenschaftler für das Institut Blochmann nach Surinam zu reisen. In seinen sechs Jahren in dieser damals holländischen Kolonie führte er zoologische und botanische Forschungen durch und machte Sammlungen für das Museum des Königs von Sachsen. Daneben führte er seine homöopathische Praxis. Seine berühmte Monographie über Lachesis muta (das Gift der Buschmeisterschlange) war eines der Ergebnisse dieses Tropenaufenthalts. Aus seinen Arzneimittelprüfungen bekam er eine Lähmung seines rechten Armes, die er zeitlebens behielt.

1833 ließ er sich nach einem kurzen Aufenthalt in Sachsen in Philadelphia nieder. Für seine zurückgelassenen Patienten veröffentlichter er 1835 „Der homöopathische Hausarzt“, eine Anleitung zur homöopathischen Therapie. Auch führte er weiter eine intensive therapeutische Korrespondenz.

In Philadelphia führte er eine homöopathische Praxis. Mit einer kleinen Gruppe deutschsprachiger homöopathischer Ärzte errichtete er die erste homöopathische Hochschule der USA, die Akademie (North America Academy for Homoeopathic Healing) in Allentown bei Philadelphia. Der Unterricht erfolgte ausschließlich auf deutsch. Diese Einrichtung gab es bis 1842. Für diese frühe Phase gilt Hering als einer der bedeutendsten Homöopathen der USA. 1848 gründete er das Hahnemann Medical College in Philadelphia, an dem er bis 1869 Professor der Arzneimittellehre war. An diesem College unterrichteten in seiner Blütezeit 70 Professoren 300 Studenten pro Jahr. Angegliedert war ein homöopathisches Hospital. Zu Herings Lebzeiten erhielten 3000 Ärzte das homöopathische Diplom. Mit diesem Institut trug Hering sehr viel zur Ausbreitung der Homöopathie in Nordamerika bei.

Neben diesen Tätigkeiten schrieb Hering weiter an seinen Veröffentlichungen. In dieser Zeit entstanden seine „Guiding Symptoms of our Materia Medica“, das noch heute als zehnbändiges Werk geschätzt wird. Es ist noch immer eine Fundgrube für Homöopathen.

Constantin Hering starb am 23. Juli 1880 in Philadelphia.

© 2006 Gabriele Schöttler Heilpraktikerin 2006

 

 

 

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Praxis für klassische Homöopathie Gabriele Schöttler HP